Ethnogeografische und ethnokulturelle Besonderheiten der Maultrommel
Die Maultrommel ist ein sehr altes Musikinstrument, das in vielfältigen Formen in vielen Regionen der Erde vorkommt. „Wargan“ ist seine russische Bezeichnung; weltweit gibt es Hunderte lokaler Namen. Die Bedeutung dieses Forschungsthemas ergibt sich daraus, dass über Zeitpunkt und Ort der Entstehung sowie die Wege der Verbreitung noch keine Einigkeit besteht: unter anderem bei C. Sachs [1], L. Tadagawa [2], G. Kolltviet [5], F. Crane [6] und M. Wright [7]. Dennoch ist offensichtlich, dass die geografische Verteilung die räumliche Vielfalt der Beziehungen zwischen musikalischen Traditionen, Lebensweise, Kultur und ethnischem Selbstverständnis widerspiegelt.
Diese Arbeit untersucht die geografische Verteilung der Maultrommeltypen und ihre Beziehungen zur Kultur und Mentalität der Völker, die das Instrument verwenden. Daraus ergeben sich vier Aufgaben:
- die geografische Analyse und Systematisierung der Typen;
- ihre kartografische Darstellung;
- die Untersuchung ethnokultureller Besonderheiten der Verwendung;
- die Betrachtung ihres Einflusses auf die Entwicklung der heutigen weltweiten Musikkultur.
Grundlage sind wissenschaftliche Veröffentlichungen, Videomaterial und eigene Spielerfahrung. Verwendet werden typologische, systematisierende, kartografische und vergleichend-geografische Methoden.
Menschen schaffen seit frühester Zeit Musikinstrumente. Offenbar bestand immer ein Bedürfnis nach musikalischem Ausdruck. Vor den ersten Instrumenten konnte der eigene Körper dazu dienen. Zu den einfachsten Möglichkeiten ohne Instrument gehören: 1) Klatschen oder Schlagen; 2) Pfeifen; 3) das Verändern äußerer Schwingungen durch den Artikulationsapparat, also die Sprechorgane.
Die erste Möglichkeit reicht vom Händeklatschen bis zum Schlagen auf verschiedene Körperteile und führte später zum Einsatz von Schlaginstrumenten. Die meisten Fachleute halten diese für die ältesten Musikinstrumente, weil schon zwei beliebige feste Gegenstände diese Aufgabe erfüllen können.
Beim zweiten Verfahren strömt Luft durch die zugespitzten Lippen, während Zunge und Stimmbänder bestimmte Stellungen einnehmen. Hohle Pflanzenstängel und Tierknochen waren Vorbilder einfacher Blasinstrumente, wie ungefähr 35 Tausend Jahre alte archäologische Funde zeigen.
Das dritte Verfahren verwendet im Gegensatz zum zweiten eine äußere Schwingungsquelle. Ohne Instrument kann man den Mund etwas öffnen, Lippen und Wangen anspannen und mit einem Finger gegen die Wange schnippen. Verändert man dabei Mundöffnung und Mundraumvolumen, entstehen unterschiedlich hohe Klänge. Auf diesem einfachen Prinzip beruht die Maultrommel.
Ihr Grundaufbau umfasst einen Rahmen und eine bewegliche Zunge, die hier auch als Saite aufgefasst wird. Eine Hand hält das Instrument bei leicht geöffnetem Mund an Zähne oder Lippen, sodass die Zunge frei schwingen und der Mundraum als Resonator wirken kann. Die andere Hand regt die Zunge an (Abb. 1). Die Maultrommel liefert damit äußere Schwingungen, gewissermaßen nach außen verlagerte Stimmbänder. Mit Sprech- und Atemorganen lassen sie sich auf sehr viele Arten verändern, wodurch eine große Klangvielfalt entsteht.

Über die instrumentenkundliche Einordnung wurde lange gestritten. Zunächst zählte man sie zu den gezupften Idiophonen, also Selbstklingern [1]. Untersuchungen von Konstruktion, Akustik und Klangerzeugung zeigen jedoch wesentliche Unterschiede: Ohne den aktiven Einsatz von Atem- und Artikulationsapparat des Spielers klingt das Instrument nicht. Es verbindet daher Merkmale von Zungen-, Zupf- und Blasinstrumenten und lässt sich als gezupftes Aerophon bezeichnen [2].
Die Einfachheit der Konstruktion erklärt ihre lange Beständigkeit bei verschiedenen Völkern. Zugleich besitzen deren Instrumente charakteristische bauliche Besonderheiten (Abb. 2).

Viele Forscher sehen im gewöhnlichen oder eigens zum Musizieren hergerichteten Bogen einen Vorläufer. Es gibt aber wesentlich einfachere Vorrichtungen, etwa eine musikalisch verwendete Pflanzenader, einen trockenen Zweig mit Astansatz oder einen zugespitzten Holzspan. Solche Instrumente haben sich unter anderem bei Nganasanen, Nenzen, Sacha, Tuwinern und Bergaltaiern erhalten (Abb. 3). Alle verwenden den Mund als veränderlichen Resonator und lassen sich als Vorformen der Maultrommel einordnen [3]. Damit wird eine ausschließliche Herkunft vom Bogen fraglich: Das einfache Prinzip könnte sich lange vor dessen Erfindung aus einem schwingenden Zweig oder Span entwickelt haben. Unabhängige Entwicklungen in verschiedenen Weltteilen sind gut möglich. So kannten Völker Australasiens die Maultrommel, aber nicht den Bogen.

Trotz der Vielfalt von Formen, Größen und Spielweisen lassen sich nach der Form des Rahmens zwei Typen unterscheiden: Lamellen- beziehungsweise Rahmenmaultrommeln und Bügelmaultrommeln. Wegen desselben Prinzips der Klangerzeugung ist auch der Musik- oder Mundbogen hinzuzunehmen.
Die Verwendung des Bogens als Musikinstrument findet sich in unterschiedlichen Formen bei nahezu allen Völkern, die ihn kennen. Beim Spiel nach dem Maultrommelprinzip führt man entweder die Sehne an den Mund oder legt den Bogen an Lippen oder Wange. Die Sehne wird mit Fingern oder einem Stäbchen gezupft (Abb. 4, 5). Der Bogen diente auch als einfaches einsaitiges Instrument und entwickelte sich später zu mehrsaitigen Formen. Das zeigen afrikanische Musikbögen mit mehreren Sehnen, etwa der Ngombi. Er ist also vielseitig, doch als Musikinstrument offenbar vom Bogen als Waffe abgeleitet.


Die Lamellenmaultrommel bestand ursprünglich aus Holz, Bambus oder Knochen, später auch aus Metall. Aus einer Platte wird in der Mitte die Zunge herausgeschnitten. Offenbar ist dies eine Weiterentwicklung des Musikspans. Sie ist idioglott: Zunge und Rahmen bilden ein Stück. Man legt sie an die Lippen und regt die Zunge mit dem Finger an (Abb. 6) oder zieht an einer durch eine Öffnung geführten Schnur (Abb. 7). Wegen dieser besonderen Anregung können Schnurmaultrommeln als eigener Untertyp gelten. Lamellenmaultrommeln sind eher empfindlich und nicht besonders laut.


Die Bügelmaultrommel ist die jüngste Bauform: Sie besteht aus Metall und besitzt mehrere weiterentwickelte Konstruktionsmerkmale (Abb. 1). Der Rahmen wird aus einem Metallstab geschmiedet oder gebogen und ähnelt einer Lyra. In seinen Bügel wird die Zunge eingesetzt; ihr Ende ist für den Anschlag rechtwinklig abgebogen. Die Zunge besteht aus elastischem Metall und soll sich nicht dauerhaft verformen. Zunge und Rahmen sind getrennte Teile, die Bauform ist also heteroglott. Das Instrument liegt fest an den Zähnen; der gesamte Schädel wirkt als Resonator und ermöglicht einen lauten, vielfältigen Klang. Dieser Typ wird bei Ausgrabungen besonders häufig gefunden. Die ältesten Stücke sind ungefähr 900–700 Jahre alt und haarnadelförmig, mit kaum ausgeprägtem Bügel, etwa aus Japan und Schweden. Wahrscheinlich sahen frühe Bügelmaultrommeln so aus; später wurde der Bügel immer deutlicher [5].
Betrachten wir nun die Verbreitungsgebiete und mögliche Ausbreitungswege (Abb. 8).

Nach archäologischen Erkenntnissen war der Bogen nahezu überall außer in Australien und Ozeanien bekannt. Die ältesten erhaltenen Bögen und Pfeile sind ungefähr 10 Tausend Jahre alt, als Pfeilspitzen eingeordnete Gegenstände dagegen etwa 60 Tausend Jahre. Musikbögen kommen in Asien, etwa bei Mansen, Ewenken und Tuwinern, sowie in Afrika, Nord- und Südamerika vor.
Manche Forscher vermuten die ersten Lamellenmaultrommeln vor ungefähr 5 Tausend Jahren in Südostasien. Von dort sollen sie sich über Ozeanien bis Australien, den Fernen Osten, Sibirien und Zentralasien verbreitet haben. Grundlage ist das Nebeneinander hölzerner und metallener Lamellenmaultrommeln, etwa der vietnamesischen Dan Moi, und Bügelmaultrommeln bei Völkern Vietnams, Taiwans und der Philippinen. Auch im Amur-Sachalin-Gebiet bestehen beide nebeneinander, sind aber funktional getrennt: Frauen verwenden bei Ritualen Lamellenmaultrommeln, Männer Bügelmaultrommeln [3]. Der Übergang zur Metallkonstruktion könnte in Nordindien erfolgt sein. Europäische Bildquellen des XIII. Jahrhunderts lassen darauf schließen, dass die Bügelmaultrommel den Westen bereits in fertiger Form erreichte [6]. Mögliche Wege sind die Seidenstraße, der indisch-römische Handel oder der Hunneneinfall im IV. Jahrhundert [7]. Bemerkenswert ist die beinahe identische Konstruktion des italienischen Marranzano und des indischen Morsing. In der Zeit der Entdeckungen und Kolonisierung gelangte die Bügelmaultrommel aus Europa nach Afrika und Amerika. Dort gab es offenbar zuvor nur Musikbögen, keine eigentlichen Maultrommeln.
Musikalische Traditionen gehören zum ethnischen Selbstverständnis. Sie geben Hinweise auf Mentalität, Weltbeziehung und die eigene Stellung darin. Jede Maultrommelkultur hat charakteristische Spielweisen, die auch mit der Konstruktion zusammenhängen (Abb. 2, 6, 7).
Traditionelle asiatische Musik ist durch Ruhe, Nachdenklichkeit und Kontemplation geprägt. Kehl- beziehungsweise Obertongesang, Gongs und Klangschalen werden hier als Besonderheiten östlicher Kultur betrachtet. In Asien diente die Maultrommel vor allem als sakrales Soloinstrument. Bei schamanisch geprägten Völkern war ihr Spiel eine „Musik für sich selbst“, die Naturlaute nachahmte. Für den Schamanen ist sie der Trommel gleichrangig, hat aber eine andere Aufgabe: Die Trommel dient der Arbeit mit dem Publikum, die Maultrommel der persönlichen Energie.
China besitzt als besonders entwickeltes ostasiatisches Land auch besonders komplexe, mit europäischen vergleichbare Musiktraditionen. Kou Xiang aus 3–5 wie Blütenblätter verbundenen, unterschiedlich gestimmten Messinglamellen ermöglichen vielfältigere Melodien als eine einzelne Maultrommel. Aus einem ähnlichen Instrument könnte die alte chinesische Mundorgel Sheng hervorgegangen sein: ein System unterschiedlich langer Bambus- oder Schilfrohre mit Zungen, eingesetzt in einen schalenförmigen Körper mit Mundstück. Sie gelangte im XVIII. Jahrhundert, möglicherweise früher, nach Europa und beeinflusste nach einigen Angaben europäische Instrumente.
Die europäische Musikkultur verwendet viele Mittel, um auf Zuhörer zu wirken. Auch die Maultrommel war dort meistens ein Ensembleinstrument. Bis ins XIX. Jahrhundert war sie besonders in Deutschland und Österreich beliebt, wo sie in großen Mengen hergestellt wurde. In unteren Bevölkerungsschichten diente sie der Unterhaltung und vor allem Tanzmelodien: auch in Russland, als Drymba in der Ukraine, als Doromb in Ungarn oder als Munnharpa in Norwegen. Als exotischer Gegenstand fand sie ebenso bei der Aristokratie Anklang (Abb. 9). Virtuosen gaben Konzerte, und europäische Komponisten schätzten sie. Johann Georg Albrechtsberger (1736–1809), ein Freund Mozarts und Haydns, schrieb mehrere Maultrommelkonzerte und hielt Vorträge über Aufbau und musikalische Eigenschaften. Friedrich Buschmann (1805–1864) entwickelte 1821 beim Versuch, eine Stimmvorrichtung zum Anblasen zu bauen, die „Aura“ als Vorform der Mundharmonika. Er verband kleine, unterschiedlich gestimmte Maultrommeln, deren Zungen durch Atemluft angeregt wurden, ähnlich wie bei der Sheng und bei Maultrommeln mit leicht gebogenen Zungen. Später führte ein zusätzlicher Blasebalg von der Mundharmonika zum Akkordeon. Diese Instrumente verbreiteten sich in Europa; die Maultrommel verlor als altertümlicher Gegenstand an Bedeutung.

Damit beeinflusste die Maultrommel die westliche Musikkultur erheblich und spielt in östlichen Kulturen weiterhin eine wichtige Rolle. Ihre einfache Konstruktion und Klangerzeugung erlauben, sie zu den ältesten Instrumenten zu zählen. Ihre Entstehung ist nicht an bestimmte geografische Bedingungen gebunden; Erfindung und Entwicklung verliefen wahrscheinlich unabhängig in verschiedenen Regionen. Sie gehört zu den Vorläufern von Sheng, Mundharmonika und Akkordeon. Die Verwendung reicht weltweit von schamanischen Ritualen bis zum Philharmoniekonzert. Dank ihrer Flexibilität nimmt Maultrommelmusik je nach Mentalität der Spieler verschiedene Formen an. Seit der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts wächst ihre Beliebtheit in unterschiedlichen modernen Musikrichtungen. Als weltweites Zentrum gilt die Republik Sacha (Jakutien), wo der Chomus auf staatlicher Ebene als Nationalinstrument anerkannt ist.
Ihr Wert liegt vor allem im leichten Einstieg und zugleich großen spielerischen Möglichkeiten. Sie erlaubt modernen, der Natur entfremdeten Menschen einen neuen Blick auf die Welt. Unabhängig von musikalischen Fähigkeiten kann jeder sie in kurzer Zeit kennenlernen. Improvisation erschließt schöpferisches Potenzial und trägt so zu geistigem und damit auch körperlichem Wohlbefinden bei.
Literaturverzeichnis
- Sachs, C.: Systematik der Musikinstrumente. In: Volksmusikinstrumente und Instrumentalmusik. Moskau: Sowetski kompositor, 1987.
- Tadagawa, L.: Über tausendjährige japanische Maultrommeln. In: Chomus. Jakutsk, 1996.
- Scheikin, J. I.: Geschichte der Musikkultur der Völker Sibiriens. Moskau: Wostotschnaja literatura, 2002.
- Brunzew, W. A.: Musikinstrumente der Völker der Welt. Katalog. St. Petersburg: Petropolis, 2011.
- Kolltviet, G.: Archaeological Jew’s Harp Finds in Europe: Chaos or Coherence? Rahden: Verlag Marie Leidorf, 2000.
- Crane, F.: A History of the Trump in Pictures: Europe and America. Mount Pleasant, 2003.
- Wright, M.: The Search for the Origins of the Jew’s Harp. In: Silk Road Newsletter, 2004.