Die Maultrommel als Musikinstrument
Es gibt viele Formen und Varianten der Maultrommel. Sie unterscheiden sich in Material, Tonhöhe und Klang. Musikwissenschaftler haben sich bis heute nicht auf eine einheitliche Einordnung geeinigt. Die Maultrommel gehört zu den ältesten Volks- und Ritualinstrumenten; zeitweise erfreute sie sich auch in weltlichen Salons und Konzertsälen großer Beliebtheit.
Oft betrachten wir sie als archaisches Nationalinstrument vor allem turksprachiger Völker. In Europa war sie jedoch im Mittelalter und im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ebenfalls weit verbreitet, besonders in Österreich.
Große Komponisten schätzten die Maultrommel. Sie stand am Anfang der Entwicklung mehrerer moderner Instrumente. So erfand Friedrich Buschmann 1821 die Mundharmonika, auf deren Grundlage später Akkordeon und Bajan entstanden. Schon im achtzehnten Jahrhundert hielt der mit Haydn und Mozart befreundete Komponist und Theoretiker Johann Georg Albrechtsberger Vorträge über den Aufbau und die besonderen musikalischen Eigenschaften der Maultrommel. Seine Werke für das Instrument wurden vom Maultrommelspieler Bruno Glatzl aufgeführt. Albrechtsberger schrieb eigens 4 Konzerte für Maultrommel. Ihre Handschriften befinden sich seit 1949 in der Ungarischen Nationalbibliothek in Budapest. Auch das Chomus-Museum besitzt Noten eines seiner Konzerte.
Die Kirche wandte sich allerdings entschieden gegen die Verbreitung des Maultrommelspiels. In Europa wie auch in Russland wurde das Instrument offiziell verboten. Auch die sowjetischen Behörden standen ihm ablehnend gegenüber.
In Russland liegt eines der bedeutendsten Zentren zur Erforschung der Maultrommel und zur Bewahrung ihrer Traditionen in Jakutien. Zu ihren wichtigen Forschern und Förderern gehörten der Komponist und Musikwissenschaftler Mark Nikolajewitsch Schirkow, Verdienter Kunstschaffender der RSFSR und Mitglied des Komponistenverbands der UdSSR, sowie der Komponist Adam Wassiljewitsch Skrjabin, der Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wirkte. Er gründete 1931 das erste russische Maultrommelensemble. Als Instrument im klassischen akademischen Orchester trat die Maultrommel in Russland seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf. Nikolai Berestow schrieb für sie die Ouvertüre „Sei gegrüßt, Moskau!“ für Sinfonieorchester und die Kantate „Die Erzählung vom Chomus“ für Chor, Solisten und Sinfonieorchester.
In Jakutien und anderen russischen Regionen finden immer wieder internationale Kongresse zur Maultrommelmusik statt. In Russland arbeitet das Internationale Zentrum für Chomus-Musik M. I. Danilow. Wladimir Wassiljewitsch Ksenofontow widmete sich dem Instrument mehrfach: zunächst in der Oper „Saastschana und Sardaana“, dann in der Monooper „Mantschaary“ und in den „Volksliedern für Chomus und Klavier“. Auch heute entstehen anspruchsvolle klassische Kompositionen für die Maultrommel.
Neben dem Material unterscheiden sich die Instrumente durch Tonhöhe und Tonumfang. Eine kirgisische Maultrommel ermöglicht beispielsweise bis zu 14 verschiedene Töne. Eine durchschnittliche Maultrommel kann ungefähr 5–6 unterschiedliche Obertöne hervorbringen.
Die Maultrommel wird als gezupftes Zungeninstrument beschrieben, das Merkmale von Zungen-, Zupf- und Blasinstrumenten vereint. In der älteren Systematik von E. Hornbostel und C. Sachs gehört sie zu den gezupften Idiophonen. Genauere Untersuchungen ihrer Bauweise, Akustik und Klangerzeugung zeigen jedoch grundlegende Unterschiede zu anderen Instrumenten dieser Gruppe und lassen sich nicht vollständig in diese Einordnung fassen.
Die traditionelle metallene Maultrommel besteht aus einem bügelförmigen Rahmen und einer daran befestigten Stahlzunge, dem schwingenden Klangkörper. Ein Finger des Spielers versetzt sie in Bewegung. Als Resonator dient der Artikulationsapparat: Mundraum, Lippen, Zähne, Zunge, Atemwege, Kehlkopf, Zwerchfell und Schädel. Manche Beschreibungen vergleichen die Zunge mit nach außen verlagerten Stimmbändern. Einige Spieler verwenden zusätzlich die linke Hand – bei Rechtshändern – als veränderlichen Resonator. Die Atemluft verstärkt den Klang; ihr Strom wird durch die Artikulation gesteuert. Auch die Anschlagstärke beeinflusst die Lautstärke erheblich.
Durch die Schwingung entsteht ein Grundton, der Bordun. Seine Höhe hängt von der Instrumentengröße ab – kleinere Instrumente klingen höher – sowie von der Dicke der Zunge und ihres Endes. Meist liegt er in der kleinen Oktave. Zum Grundton treten Obertöne, die mit den Schwingungen von Hälften, Dritteln und weiteren Abschnitten der Zunge erklärt werden. Ihre Gesamtheit bildet den natürlichen Tonvorrat. Je tiefer die Stimmung, desto größer ist bei Maultrommeln der Obertonumfang. Die Lautstärke hängt sowohl von der Spieltechnik als auch von der Beherrschung der Artikulation ab. Musiker sprechen davon, „Obertöne einzufangen“. Je feiner die Kontrolle, desto vielfältiger und kunstvoller das Spiel. Eine grundlegende Übung ist, die Mundstellungen sämtlicher Vokale einzunehmen, ohne sie stimmhaft auszusprechen. Virtuoses Spiel kann die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle ausdrücken und beim Publikum Mitgefühl hervorrufen.
Das Spiel auf diesem Instrument gilt als archaisch. Seine besondere, dichte Klangfarbe und die Vielfalt der hervortretenden Obertöne machen es unverwechselbar. Als grundlegender Tonvorrat wird die Pentatonik beschrieben, wie sie in vielen ethnischen Kulturen und insbesondere in der traditionellen sibirischen Musik vorkommt. Dieser archaische Klang steht am Anfang der Entwicklung einer Klangkultur; moderne Tonsysteme entstanden erst viel später. Für die Pentatonik ist hier eine „Klangwolke“ charakteristisch, in der mehrere Töne zusammengefasst sind. Dadurch entfällt die Notwendigkeit, einen einzelnen Ton exakt zu treffen.
Archaische Rhythmen haben kein fest vorgegebenes Metrum oder Intervall. Die Gliederung erfolgt über die Intonation; im Mittelpunkt steht die Klangfarbe. Wegen dieses archaischen Klangs greifen in den letzten Jahren neben ethnischen Ensembles und Trancemusikgruppen auch Jazzmusiker auf die Maultrommel zurück.