Eine Maultrommel auswählen
Welche Maultrommeln gibt es?
Eine Maultrommel scheint ein denkbar einfaches Instrument zu sein, das meist nur aus zwei Metallteilen besteht: Man nimmt sie und spielt. Doch sobald man den Katalog öffnet oder vor den mit ganz unterschiedlichen Instrumenten bedeckten Wänden eines Ausstellungsraums steht, stellt sich die Frage: Welche soll es sein? Zunächst sollte man wissen, dass das Aussehen einer Maultrommel nichts über ihren Klang verrät. Vereinfacht gesagt bestimmen weder Größe noch Form, Farbe, Material oder Herstellungsverfahren den Klang. Genauer betrachtet wirken Größe und Form durchaus mit, aber nur zusammen mit anderen Faktoren; sie einzeln zu beurteilen, ist wenig sinnvoll.
Eine Ausnahme ist das Material des Rahmens: Holz bietet nicht die erforderliche Präzision und Formstabilität. Vereinfacht gesagt sollte die Maultrommel aus Metall bestehen; welches Metall es ist, spielt dabei keine entscheidende Rolle.
Das für das Spiel wichtigste Merkmal sieht man dagegen nicht: das Material der Zunge. Bei sonst gleichen Bedingungen klingt eine längere Zunge tiefer als eine kürzere. Besteht die lange Zunge aber aus steiferem Metall, kann sie höher klingen als eine kurze, weiche. Akustische und mechanische Eigenschaften lassen sich deshalb nicht zuverlässig am Aussehen ablesen. Rund um die Auswahl gibt es viele Vermutungen und Mythen. Einer der häufigsten lautet „geschmiedete Maultrommel“ – für viele ein vermeintliches Gütesiegel. Das Schmieden des Rahmens beeinflusst den Klang jedoch ebenso wenig wie andere Verfahren seiner Herstellung. Auch das Herkunftsland sagt im Allgemeinen wenig über die Qualität aus. In manchen Regionen bestehen ausgeprägte Traditionen für einzelne Konstruktionsmerkmale; solche Fälle sollte man als Ausnahmen betrachten. Aussagekräftiger ist der Instrumentenbauer, denn vom Menschen hängt wesentlich mehr ab als von der Region. Aber auch das hilft nur, wenn er genau einen Instrumententyp baut. Manche fertigen Dutzende völlig unterschiedlicher Modelle. Im Idealfall beurteilt man jede Maultrommel einzeln.
Die folgenden Eigenschaften sind praktisch wichtig und helfen, Instrumente nach unterschiedlichen Gesichtspunkten zu ordnen.
1. Tonhöhe
Maultrommeln reichen von sehr tiefen Bassinstrumenten bis zu beinahe piepsend hohen Modellen. Jede besitzt eine Grundfrequenz, mit der die Zunge schwingt; sie entspricht dem tiefsten Ton, den dieses Instrument hervorbringen kann. Entspricht diese Frequenz einer bestimmten Note, ist die Maultrommel gestimmt. In engen Grenzen kann man sie auch selbst nachstimmen. Je tiefer das Instrument, desto träger ist es meist; höhere Instrumente eignen sich eher für schnelles Spiel. Für den Einstieg und das gewöhnliche Spielen ist die Mittellage eine gute Wahl. Sehr tiefe Maultrommeln müssen besonders sorgfältig gefertigt sein, um einen großen Tonumfang zu ermöglichen, und sind entsprechend teuer. Einfache Modelle sind in den hohen Frequenzen oft eingeschränkt und klingen dumpf. Im Durchschnitt reagieren tiefe Instrumente besser auf tiefes Atmen: Bei geöffnetem Rachen und einbezogenen Lungen entstehen Resonanzen durch größere Volumina bei niedrigeren Frequenzen. Hohe Instrumente sprechen besser auf feinste Artikulation an.
2. Klangfarbe
Wie die meisten Musikinstrumente erzeugt die Maultrommel neben dem Grundton gleichzeitig weitere Töne, die Obertöne. Jeder davon hat seine eigene Lautstärke. Zusammen bilden sie die Stimme des Instruments, seine Klangfarbe. Verschiedene Maultrommeln können trotz gleicher Stimmung unterschiedlich klingen; ebenso unterscheiden sich andere Instrumente durch ihre Klangfarbe. Bei Maultrommeln lassen sich zwei gegensätzliche Richtungen erkennen: schnarrende und glatte Klänge. Erstere wirken oft interessanter und ungewöhnlicher, doch zu starkes Schnarren kann die bewusste Klanggestaltung erschweren. Glatte Instrumente verlangen mehr Sicherheit vom Spieler und können schlichter wirken, setzen ihm dafür weniger Grenzen. Letztlich ist die Klangfarbe vor allem Geschmackssache. Sie ist auch die einzige dieser Eigenschaften, die sich anhand einer Klangaufnahme beurteilen lässt.
3. Zungensteifigkeit
Sie bestimmt das Spielgefühl, genauer gesagt das Gefühl beim Anschlag. Unterschiedliche Steifigkeiten eignen sich für unterschiedliche Zwecke, sollten aber nie das einzige Auswahlkriterium sein. Der Wert sagt lediglich, wie fest man das Instrument halten und wie kräftig man anschlagen muss.
4. Mechanik
Material, Größe und Form der Zunge bestimmen gemeinsam, bei welchem Spieltempo sie sich wohlfühlt. Manche Instrumente eignen sich für langsames, entspanntes Spiel mit sanften Anschlägen, andere für schnelle, präzise Bewegungen. Zu den mechanischen Eigenschaften gehört auch, ob der Klang bei kräftigen, wechselnden Anschlägen oder unterschiedlichen Anschlagsrichtungen sauber bleibt. Das ermöglicht nicht nur „Maschinengewehrsalven“, sondern auch kurze Verzierungen wie Tremoli und Mordente innerhalb eines ruhigen Spiels.
5. Empfindlichkeit
Ein gleich starker Anschlag kann auf verschiedenen Maultrommeln unterschiedlich laut klingen. Die Empfindlichkeit beschreibt das Verhältnis zwischen Lautstärke und dem Aufwand, der dafür nötig ist. Je höher sie ist, desto leichter entsteht ein lauter Klang. Dazu kommt die Empfindlichkeit gegenüber den Steuerbewegungen von Artikulation und Atmung. Auf einem anspruchsvollen Instrument reicht eine kleine Bewegung für eine deutliche Klangänderung; bei einem einfachen muss man den Klang regelrecht herauspressen. Meist lässt sich ein empfindliches Instrument leichter und angenehmer spielen.
6. Lautstärke
Maultrommeln unterscheiden sich in ihrer Lautstärke, die gewöhnlich mit Empfindlichkeit und Klangfarbe zusammenhängt. Bei lauten Umgebungsgeräuschen kann die Klangfarbe sogar wichtiger sein: Ein Instrument, das sich klanglich vom Hintergrund abhebt, ist besser zu hören als eines, das darin untergeht. Beim alleinigen Spielen zu Hause ist die Lautstärke kaum entscheidend. Eine zusätzliche Möglichkeit zu haben, ist aber immer angenehm.
7. Bauart
Unter den heute gebräuchlichen Formen sind vor allem Bügelmaultrommeln und Lamellenmaultrommeln zu nennen. Der wesentliche Unterschied liegt in der Haltung: Bügelmaultrommeln werden an die Zähne angelegt und dort abgestützt. Lamellenmaultrommeln hält man frei in der Hand und umschließt sie für eine gute Lautstärke nur leicht mit den Lippen. Andere Formen sind eher exotisch. Da die hier betrachteten metallenen Lamellenmaultrommeln aus einer einzigen Werkstatt stammen, wollen wir keine weitergehenden allgemeinen Aussagen treffen und schreiben ihre gemeinsamen Eigenschaften diesen Herstellern zu.
Wie wählt man aus?
Wer noch nicht spielt, sollte zuerst klären, wofür die Maultrommel gedacht ist: zum gelegentlichen Erzeugen ungewöhnlicher Klänge oder zum ernsthaften Lernen. Im ersten Fall beeinflusst die Instrumentenqualität hauptsächlich den Spielspaß: Je besser das Instrument, desto angenehmer ist es. Dabei kann man den eigenen Komfort durchaus dem Preis oder dem Design unterordnen. Für systematisches Lernen bestimmt das Instrument jedoch mit, was man darauf lernen kann. Geht es nur um den Augenblick, darf man nehmen, was einem hier und jetzt gefällt. Ein Instrument für die weitere Entwicklung lässt sich dagegen erst bewusst beurteilen, wenn man bereits spielen kann. Bloßen Instinkten sollte man die Entscheidung dabei keinesfalls überlassen. Leider ist „Wähle mit dem Herzen“ der häufigste Rat – und das Herz greift oft gerade zu Modellen, die vernünftiges Spielen und weitere Entwicklung erschweren. Es bleibt, Menschen zu vertrauen, die tatsächlich spielen können, selbst viele Instrumente durchlaufen haben und denselben Weg bei anderen beobachten. Eine Auswahl bleibt trotzdem, denn neben objektiven gibt es subjektive Eigenschaften. Ein erfahrener Verkäufer bietet mehrere zum Lernen und Spielen geeignete Modelle an und legt die verführerisch aussehenden, aber unbrauchbaren Stücke beiseite.
Ungewöhnliche Instrumente
Wer bereits eine Bügelmaultrommel besitzt, sollte vietnamesische Dan Moi oder chinesische Kou Xiang ausprobieren – gern auch beide. Diese drei Instrumentengruppen unterscheiden sich besonders stark. Schon je ein Modell aus jeder Gruppe deckt einen großen Bereich an Spieltechniken, Klängen und Eindrücken ab. Man kann die Sammlung auch nach Tonhöhe und Steifigkeit erweitern, etwa eine weich brummende Maultrommel durch eine steife, hell klingende ergänzen; nach Klangfarbe einen neuen Charakter suchen oder ein kräftiges, dynamisches Instrument mit einem zarten, empfindlichen kombinieren. Interessante Extreme sind die ungarischen Modelle „Apocalyptic“, „Daisy Cutter“ und „Choir“ mit ihrem „verrückten“ Klang sowie „Tibet“, eine der tiefsten Maultrommeln der Welt.
Beim Ausprobieren …
- Bewerten Sie nicht vorschnell, wie bequem sich die Maultrommel halten lässt. Mit einer wirksamen, universellen Haltung gewöhnt man sich an jedes Modell. Am Anfang ist es ungewohnt – auch das will gelernt sein. ;)
- Der Klang ist nicht alles. Wichtiger ist, wie leicht er entsteht. Gemeint ist der Aufwand beim Anschlag, nicht beim Halten.
- Bitten Sie niemanden, den Klang von außen zu beurteilen: Sie wollen darauf spielen, nicht zuhören. ;)
- Bitten Sie auch niemanden, vorzuspielen, damit Sie von außen zuhören können – siehe den vorherigen Punkt.
- Probieren Sie Anschläge nach außen und nach innen, ganz sanfte und sehr kräftige, langsame und schnelle.
- Probieren Sie alle Laute: Vokale und Konsonanten. Öffnen und schließen Sie den Rachen und bewegen Sie den Kehlkopf.
- Hektik hilft nicht: Achten Sie auf jede einzelne Bewegung und ihr Ergebnis.
- Hören Sie mitten im Raum und unmittelbar vor einer Wand oder einem Fenster. Dabei treten ganz unterschiedliche Klanganteile hervor. ;)